Tagesspiegel: Gewässer in Berlin und Brandenburg sollen zugänglich bleiben Die Ufer denen, die dran wohnen?

„Das Wasser und die Ufer gehören Berlin.“ Das Abgeordnetenhaus will Seen und Spreeufer freihalten. Gleichzeitig setzt sich Innensenator Geisel bei Verkehrsminister Andreas Scheuer für ein Ankerverbot ein.  Robert Klages

Will das Wasser für Alle: Claudius Schulze auf seinem Boot auf dem Rummelsburger See. 
Will das Wasser für Alle: Claudius Schulze auf seinem Boot auf dem Rummelsburger See. Foto: Mike Wolff

Das Abgeordnetenhaus (AGH) von Berlin hat den Antrag „Das Wasser und die Ufer gehören Berlin“ (per Konsensliste) verabschiedet. Der Senat wird darin aufgefordert, Leitlinien zu entwickeln, wie die Ufer der Berliner Gewässer für die Allgemeinheit und die Stadtnatur geöffnet und freigehalten werden können. Der Antrag wurde von Katalin Gennburg, Sprecherin für Stadtentwicklung der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, initiiert.

„Die Uferkonzeption in Berlin benötigt dringend ein Update, das die ganze Stadt umfasst und einheitliche Regeln für alle Bezirke vorschreibt, um die Ufer für das Allgemeinwohl zu sichern”, sagt Gennburg. „Wir werden künftig Uferwege und breite Uferstreifen baurechtlich sichern, durch Bebauungspläne, Wegerechte, eine Bauverbotszone von zehn Metern an den Ufern und alle weiteren Möglichkeiten des Baugesetzbuches.“

Doch so leicht, wie sich das anhört, ist es nicht überall. Am Beispiel der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg zeigt sich, dass das Ufer hart umkämpft ist von verschiedensten Interessen. Sowohl Bootsbewohner:innen auf dem See sowie Anwohnende beanspruchen das Ufer und die Anlegeplätze für sich – und dann kommen auch noch Investor:innen, die direkt am Wasser bauen wollen. 

Der Bezirk Lichtenberg hat nun, parallel zum Beschluss im AGH, beschlossen, die Eigentümer:innen entlang der Spree in die Entwicklung des Seeufers mit einzubeziehen. Der Antrag „Spreeufer in Lichtenberg und Treptow-Köpenick gezielt entwickeln“ der CDU-Fraktion wurde einstimmig angenommen. 

Gemeinsam mit dem Nachbarbezirk soll ein Rahmenplan zur Entwicklung des Ufers bis zur Rummelsburger Bucht erarbeitet werden. Dabei sollen die Grundstückseigentümer:innen hinsichtlich ihrer Entwicklungsabsichten einbezogen und ein Spreewanderweg für die Öffentlichkeit avisiert werden. Die Reduzierung von Gewerbeflächen soll dabei ausgeschlossen werden.

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Dies ist jedoch nicht der einzige Antrag in Lichtenberg zu dem Thema. Während sich Katalin Gennburg für „Ufer für Alle“ einsetzt, will ihre Partei in Lichtenberg den Zugang zum Rummelsburger See beschränken. „Das Bezirksamt wird ersucht, den 22-Stunden-Anleger an der Rummelsburger Bucht in einen Zugang für Wasserfreizeitsportler*innen und Besucher*innen umzuwidmen“, heißt es in einem Antrag der Linksfraktion, der von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beschlossen wurde.

Der Antrag richtet sich gegen die Hausboote auf dem See. Für diese ist der Anleger ein wichtiger Ein- und Aussteigepunkt, der Ort ein angenehmer Treffpunkt für Leute, die gerne am Wasser sitzen. An Wochenenden ist dort viel los. Es gibt zwar eine Ökotoilette vor Ort und einen Container, trotzdem entsteht oft viel Müll.

Linke, SPD und CDU wollen Bucht-Anleger schließen

Die Linke will den Anleger schließen. Da sei man sich mit Innensenator Andreas Geisel (SPD) und CDU-Stadtrat Martin Schaefer einig, steht in dem Antrag, „da die Situation im Sinne der Umwelt, Ordnung, Sauberkeit und Lärmschutz anders nicht zu lösen sei.“ Demnach soll künftig nur das Ein- und Austeigen, nicht jedoch das Anlegen von Booten, möglich sein.

An einem Runden Tisch wurde über das Thema debattiert. An der Videokonferenz, veranstaltet vom „Kiezforum Wir e.V.“ und offiziell einberufen durch das Bezirksamt, nahmen neben Geisel und Schaefer weitere Politker:innen teil. Nicht eingeladen waren Vertreter:innen der Hausbootfraktion, beispielsweise „Spree:publik“. Dabei war es eigentlich Konsens gewesen, alle Beteiligten vom See mit in ein Boot zu nehmen. Hinterzimmerpolitik und nicht runde Tische hatte es bereits 2019 gegeben.

„Spree:pubik“ fordert einen Kulturhafen für die Rummelsburger Bucht

Zum aktuellen Antrag der Linken kommentiert Claudius Schulze von „Spree:publik“: „Ein freier Zugang zum Wasser für alle Berliner*innen ist das Ziel, mit dem wir uns gegründet haben.“ Daher finde man einen Antrag wie den von Katalin Gennburg natürlich dufte. Aber die Sektkorken wolle man noch nicht knallen lassen, wenn es gleichzeitig diese Bestrebungen gibt, freie Anleger, wie den am Rummelsburger See, nur noch für das private Freizeitvergnügen der unmittelbaren Nachbarschaft zu beschränken.

„Die derzeitigen Missstände am Anleger sind nicht hinnehmbar“, so Schulze. „Doch helfen weder Populismus noch Not-in-my-backyard-Rufe. Es braucht stattdessen konstruktive Ansätze. Wir bringen uns gerne ein, so dies gewünscht ist. Mit einem Kulturhafen verfolgen wir genau das Ziel: klare Regeln, langfristige Möglichkeiten und en Ort des Austausches für alle Berliner*innen.“

Theater, Kino, Workshops und vieles mehr auf Hausbooten

Was ist ein „Kulturhafen“? Die Initiative möchte mehr Kunst auf das Wasser bringen. Theater, Kino, Workshops und vieles mehr auf Hausbooten – am liebsten auf dem Rummelsburger See. Dort gibt es bereits das Bühnenfloß „Panther Ray“ und die „Wackelberry“, auf der Filme gezeigt werden. Oder die „Nuria“, noch eine schwimmende Kulturplattform.

Die Senatsinnenverwaltung würde am liebsten ein Ankerverbot auf dem Rummelsburger See durchbringen. Doch der See ist ein Bundeswasserstraße. Bezirke und Stadt können lediglich Anlegeverbote verhängen, am Ufer also. Der Bund war bisher immer gegen ein Ankerverbot auf dem See und gewann diesbezüglich sogar einen Rechtsstreit gegen die Berliner Senatsverwaltung. Die aber will nicht aufgeben. 

Innensenator Geisel schreibt an Verkehrsminister Scheuer

Wie nun bekannt wurde, setzte sich Innensenator Andreas Geisel (SPD) bei Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) für ein generelles „Stillliegeverbot für unbemannte Kleinfahrzeuge“ ein. Zwei Absätze der Binnenschifffahrtsstraßen-Ordnung (BinSchStrO) sollten geändert werden – und zwar zum Nachteil der Freizeitschifffahrt. 

Bisher ist es erlaubt, 24 Stunden lang den Anker zu werfen. Man kann mit seinem Boot also überall mal eine Nacht ankern und von Bort gehen. Das sollte sich ändern und für den gesamten Großraumbereich Berlin/ Brandenburg verboten werden.

Boote an der Rummelsburger Bucht. 
Boote an der Rummelsburger Bucht. Foto: Mike Wolff

Das Bundesverkehrsministerium bestätigt gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, dass Gespräche zwischen dem Bund und den Ländern über eine Neufassung der BinSchStrO laufen. Man sehe die Gefahr, dass aufgrund der Regelungen Boote dauerhaft und somit illegal abgestellt würden. 

Ohnehin sei die Möglichkeit, mit seinem Schiff für 24 Stunden außerhalb fester Plätze anzulegen, nur als Ausnahmeregelung gedacht gewesen, es gebe also „dringenden Diskussionsbedarf“, sagt ein Ministeriumssprecher der SZ. Auf eine endgültige Regelung aber habe man sich bislang noch nicht geeinigt. Vielmehr sei eine mögliche Neuregelung der 24-Stunden-Regel „aufgrund offener Fragen zunächst zurückgestellt“.

Der Bootsverband „Spree:publik“, mit dem Motto „Wasser ist für Alle da“, meldet nun, dass ein Stilllegeverbot für Berlin und Brandenburg nicht kommen werde. „Wir konnten Senatorin Regine Günther (Grüne) davon überzeugen, sich mit einem Brief bei Scheuer für uns, die Kunst- und Kulturflöße und die Freizeitschiffer*innen, einzusetzen – mit Erfolg“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Eine Aufhebung des 24-Stunden-Gesetzes wird vom Bundesministerium für Verkehr nicht weiter verfolgt, bestätigte dieses auch auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Claudia Müller (Grüne).

Eigentumswohnungen mit Wasserblick

„Wir freuen uns, dass der Versuch des Hinterzimmerschulterschlusses zwischen Wasserschutzpolizei, Wasserstraßenverwaltung, Senator Geisel und Minister Scheuer gescheitert ist“, sagt Claudius Schulze, Sprecher der Spree:publik. „Anstelle ständig neuer Verbotsparagraphen, setzen wir uns für Maßnahmen ein, die tatsächlich mit Augenmaß und Sachverstand auf eine Verbesserung der Situation auf den Berliner Gewässern abzielen.“

Das Ufer an der Rummelsburger Bucht gehört noch allen Berliner:innen, die Interesse daran haben, dort zu flanieren. Die ehemaligen Freiflächen werden zügig bebaut. „My Bay“ heißt das Projekt von Investa Real Estate und der Groth Gruppe: „60 komfortable Eigentumswohnungen mit zwei bis vier Zimmern“ entstehen laut Homepage

Das ist dort, wo einst eine Wagengruppe die Brache besetzte. Jetzt stehen dort neue Gebäude – die Loggien, Terrassen und Balkone mit Wasserblick sind bereits zu erahnen. Der Kaufpreis fängt bei 300.000 Euro an. Der Investor hatte das Areal 2016 für mehr als 3,6 Milliarden Euro von der Stadt gekauft.

https://www.tagesspiegel.de/berlin/gewaesser-in-berlin-und-brandenburg-sollen-zugaenglich-bleiben-die-ufer-denen-die-dran-wohnen-/27542298.html

Süddeutsche Zeitung: Einfach mal den Anker werfen

Morgens in Berlin
Ein Boot liegt bei Sonnenaufgang auf dem Tegeler See vor Anker.(Foto: dpa)

Bislang ist es erlaubt, sein Boot bis zu 24 Stunden fernab offizieller Liegestellen zu parken. Doch das könnte sich bald ändern. In der Szene sind viele alarmiert.

Von Lisa Kannengießer

Gerade erst hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) einen Masterplan verabschiedet, um die Freizeitschifffahrt zu fördern – und so kurz vor der Bundestagswahl bei der Zielgruppe womöglich zu punkten. Doch im Großraum Berlin geht der Plan aktuell nicht auf.

Dort erhebt der Verband „Spree:publik“, in dem sich unter anderem Hausbootbesitzer und andere Wasserstraßennutzer zusammengetan haben, Vorwürfe gegen Scheuer und den Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD). Beide sollen sich darauf verständigt haben, zwei Absätze der Binnenschifffahrtsstraßen-Ordnung (BinSchStrO) zu ändern – und zwar zum Nachteil der Freizeitschifffahrt.

„Woher wissen Sie das?“

Konkret geht es um den Paragraf 21.24 Absatz 6 sowie den Paragraf 22.24 Absatz 6 der BinSchStrO. In beiden ist das sogenannte „unbemannte Stillliegen“ geregelt – also die Erlaubnis, dass man für eine Dauer von bis zu 24 Stunden lang einfach den Anker werfen oder das Boot auch außerhalb fester der Liegestellen am Ufer vertäuen darf. Davon profitieren all jene, die mit ihrem Schiff ohne viel Aufwand mal über Nacht irgendwo Station machen wollen.

Nun aber könnte sich das im Großraum Berlin/Brandenburg ändern, vermutet der Verband. Dessen Sprecher Claudius Schulze berichtet, ihm gegenüber hätten Vertreter der Wasserschutzpolizei schon im Mai angedeutet, „dass sich da etwas tut“, dass sich Scheuer und Geisel auf eine entsprechende Änderung verständigt hätten. Daraufhin habe er, Schulze, den Leiter der Eiskommission des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Spree-Havel auf eine mögliche Änderung angesprochen – und der habe nur geantwortet: „Woher wissen Sie das?“ Entsprechend groß ist aktuell die Aufregung unter Bootseignerinnen und -eignern in der Region.

Derzeit laufen Gespräche zwischen dem Bund und den Ländern

Auf SZ-Anfrage bestätigt das Bundesverkehrsministerium, dass Gespräche zwischen dem Bund und den Ländern über eine Neufassung der BinSchStrO laufen. Man sehe die Gefahr, dass aufgrund der Regelungen Boote dauerhaft und somit illegal abgestellt würden. Ohnehin sei die Möglichkeit, mit seinem Schiff für 24 Stunden außerhalb fester Plätze anzulegen, nur als Ausnahmeregelung gedacht gewesen, es gebe also „dringenden Diskussionsbedarf“, erklärt ein Ministeriumssprecher. Auf eine endgültige Regelung aber habe man sich bislang noch nicht geeinigt. Vielmehr sei eine mögliche Neuregelung der 24-Stunden-Regel „aufgrund offener Fragen zunächst zurückgestellt“.

https://www.sueddeutsche.de/auto/freizeitschifffahrt-scheuer-1.5377170

taz: Ankern in Gewässern soll verboten werden: Auf dem Weg zur polierten Stadt

Haus- und Kulturboote, die in der Rummelsburger Bucht regelmäßig vor Anker liegen, sollen vertrieben werden. Innensenator Geisel arbeitet daran.

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Das Bild von Mitte Juli 2021 zeigt: in der Rummelsburger Bucht liegen etliche Boote vor Anker Foto: dpa/Paul Zinken

Das Glattpolieren der Rummelsburger Bucht geht anscheinend in die nächste Runde: Nun sollen wohl auch die Haus- und Kulturboote, die dort regelmäßig vor Anker liegen und zumeist der alternativen Szene angehören, vertrieben werden. Es ist die letzte Entwicklung einer jahrelangen Verdrängungsgeschichte, in der zuletzt im Februar ein Obdachlosencamp zugunsten des Touristenaquariums Coral World geräumt wurde.

Hauptakteur ist Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD), allerdings in seiner Rolle als zuständiger Wahlkreisabgeordneter. Scheinbar wandte sich Geisel schon Ende vergangenen Jahres mit der Bitte an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), dieser möge doch den Paragrafen 21.24 der Binnenschifffahrtsstraßenordnung ändern. Darin enthalten ist eine Ausnahmeregelung, die es – im Klartext formuliert – Be­sit­ze­r:in­nen von Haus- und Kulturbooten ermöglicht, diese auch an ungenehmigten Stellen für einen Tag unbewacht liegen zu lassen.

Fiele diese Ausnahme, wäre es aufgrund der teuren und rar gesäten Hafenplätze wohl vorbei mit Bootpartys, Kulturveranstaltungen und dem politischen Protest vom Wasser aus, für welche die Hausboote regelmäßig genutzt werden. Der Grund für Geisels Vorpreschen sind Beschwerden von An­woh­ne­r:in­nen in den teuren Neubauten, die rings um die Bucht entstanden sind. Hier fühlt man sich wohl vom Lärm, Dreck und dem schlechten Zustand einiger Boote gestört.

Das bekannte Muster der Gentrifizierung

Es werden nicht alle Beschwerden der An­woh­ne­r:in­nen völlig unbegründet sein. Dennoch tritt erneut das bekannte Muster der Gentrifizierung zutage: Nach der Aufwertung eines Viertels und dem Zuzug einer kapitalträchtigen Bevölkerungsschicht beginnt eine Verdrängungswut gegen all jene, die eben nicht leben wollen wie in einem Schöner-Wohnen-Katalog. Dass der alternative Flair den Hype um das Viertel erst geschürrt hat, wird gezielt verdrängt.

Geisels Plan geht mit beträchtlichen Kollateralschäden einher

Geisels Plan geht mit beträchtlichen Kollateralschäden einher: Denn ist ein Ankerverbot erst einmal beschlossen, gilt es nicht nur in der Rummelsburger Bucht, sondern überall. Betroffen wären all jene, die auf dem Wasser Sport, Tourismus oder Kultur betreiben.

Wenn Geisel diese Konsequenzen in Kauf nimmt, nur um ein paar Alternative aus der Bucht zu vertreiben, dann scheint ihm die Kommerzialisierung der Stadt ein persönliches Anliegen zu sein.

https://taz.de/Ankern-in-Gewaessern-soll-verboten-werden/!5787760/

taz: No Anker – no Party

Drohendes Ankerverbot in Berlin

Die Haus- und Kulturboote der Rummelsburger Bucht werden durch ein Ankerverbot bedroht. Betroffen wäre aber die gesamte Freizeitschifffahrt.

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Konzert auf der „Unkraut“ von der Band KAYAM Foto: Jens Gyarmaty

BERLIN taz | Während im Hintergrund über der Oberbaumbrücke die Sonne untergeht und sich von vorne die Insel der Jugend nähert, ist die Party auf dem Kulturfloß Unkraut voll im Gange. Im überdachten Mittelteil tanzen Kollektivmitglieder und Gäste zwischen DJ-Pult, Buffet und Bar; andere schauen vom Bug, wo auf der Hinfahrt noch eine Band gespielt hat, und vom Dach, wo sich auch das Steuerrad befindet, in das Abendrot. Als es dunkel geworden ist, dreht das Floß, das komplett aus Recyclingmaterialien gebaut ist und dessen Gerippe ein ehemaliges Gewächshaus ist, noch ein paar Runden vor der Rummelsburger Bucht. Dann wirft es für die Nacht den Anker aus.

Doch der Heimathafen Bucht ist akut bedroht. Geht es nach Innensenator Andreas Geisel (SPD), wird schon bald, womöglich Ende des Sommers, ein Ankerverbot dafür sorgen, dass all die Hausboote und Flöße und mit ihnen die alternative Szene, sprich mehrere Dutzend Wasser-Bewohner*innen, und die bunte Kulturlandschaft verschwinden. Doch nicht nur in der Rummelsburger See, auch in anderen Gewässern in Berlin und Brandenburg – zum Beispiel in der Spree-Oder-Wasserstraße, der Dahme oder Müggelspree – soll das unbemannte Stilllegen von Booten bis zu 20 Metern Länge („Kleinfahrzeugen“) verboten werden.

Die drohende Änderung der Binnenschifffahrtsstraßen-Ordnung schwingt mit an diesem Donnerstagabend auf der Unkraut, die eigentlich einen freudigen Anlass für ihre Ausfahrt hat: Für die nächsten zwei Jahre werden Kulturveranstaltungen auf dem Boot von der Essener VielRespektStiftung mit insgesamt 100.000 Euro unterstützt. Dem anwesenden Stifter Reinhard Wiesemann, der sein Geld mit einer Computerfirma gemacht hat, geht es darum, Respekt und Vielfalt zu fördern – das Floß mit seinem diversen Team sei dafür „genau der richtige Ort“, sagt er.

Eine Fotoausstellung auf dem Floß zeigt, wie vielfältig es von dem achtköpfigen Kollektiv in den vergangenen fünf Jahren genutzt wurde: als Veranstaltungsfläche bei der Fête de la Musique, als Protestschiff gegen AfD-Demos oder, wie am vergangenen Sonntag für Berlins Kohleausstieg. Als Ort für Lichtinstallationen oder für Umweltschulungen für Kinder und auch für Ausflüge mit Geflüchteten.

Zusammen mit Flößen wie der Anarche oder der Panther Ray hat die Unkraut die Wasserfläche in der Rummelsburger Bucht und darüber hinaus als Kulturort etabliert. Daniel Haider, der das Boot einst mit gebaut hat, ist eigentlich voller Vorfreude auf die kommenden Veranstaltungen – 28 wurden schon ausgewählt – sagt aber auch: „Der Fortbestand unseres Projektes ist in Gefahr.“ Neben ihm steht Stifter Wiesemann und sagt zum drohenden Ankerverbot: „Wir müssen aufpassen, dass die Welt nicht immer glatter wird.“

Gestörte Nachbarn

Vielen An­woh­ne­r*in­nen in den teuren Neubauten rings um die Rummelsburger Bucht ist das bunte Treiben auf dem Wasser dagegen zu viel. Zu laut, zu dreckig, ein ästhetisches Problem sind die oft vorgetragen Klagen etwa aus dem An­woh­ne­r*in­nen­ver­ein Wir e. V. Viele Boote, besonders die bewohnten, seien in einem schlechten Zustand, mehrere seien zuletzt gesunken.

Der Verein Spree:publik, der Zusammenschluss der Kunst- und Kulturflöße, verschweigt die Probleme nicht. Sprecher Claudius Schulze spricht von einer „sozial angespannten Situation und vielen Nachbarschaftskonflikten“; das nun drohende Ankerverbot sei dennoch „mega schräg“. Gegen „Boote, die eine Gefahr für Umwelt und Sicherheit darstellen“ gebe es aber schon jetzt eine gesetzliche Handhabe, hieß es zuletzt in einer Mitteilung.

Schulze ist zu einem Experten der Binnenschifffahrtsstraßen-Ordnung geworden, einer Bundesverordnung, die nur durch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) geändert werden kann. An diesen habe sich Andreas Geisel als Wahlkreisabgeordneter von Rummelsburg Ende vergangenen Jahres in einem persönlichen Brief gewandt.

Versteckte Paragraphen, große Wirkung

Geisels Bitte: den Paragraphen 21.24, der Sonderbestimmungen für Kleinfahrzeuge in Berlin-Brandenburger-Gewässern beinhaltet, zu ändern. In Satz 1 heißt es: „Ein unbemanntes Kleinfahrzeug darf nur an einer genehmigten Liegestelle stillliegen.“ Es folgt jedoch eine Ausnahme – jedenfalls für Gewässer abseits der innerstädtischen Spree zwischen Spandau und Insel der Jugend (Stralauer Spitze) –, deren Streichung nun im Rechtssetzungsverfahren ist: „Abweichend von Satz 1 darf ein unbemanntes Kleinfahrzeug an einer ungenehmigten Liegestelle bis zu einem Tag stillliegen.“

Wenn diese Möglichkeit gestrichen wird, auf dem Wasser oder am Ufer außerhalb von festen Liegestellen ein Boot für einen Tag unbewacht liegen zu lassen, dürften in der Konsequenz „Kleinfahrzeuge nicht mehr verlassen werden“, sagt Schulze. Davon betroffen wäre auch der Wassertourismus. Schon jetzt aber fehlten ausreichend öffentliche Liegestellen, wie auch jüngst in Scheuers „Masterplan Freizeitschiffahrt“ angemahnt wurde, die wenigen Hafenplätze dagegen seien teuer. Schulze sagt: „Regattasport, Wassertourismus und Kulturboote werden zu Kollateralschäden eines übereifrigen Law&Order-Populismus von Geisel und Scheuer gegen einzelne Boote und Bootseigner*innen.“

Die Floßszene will die Änderung verhindern und hat selbst ganz eigene Pläne für die Rummelsburger Bucht. Ein Kulturhafen solle diese werden, ein Ort, wo Boote legal zusammen kommen dürfen, um Kultur auf dem Wasser zu machen, wie Daniel Haiser von der Unkraut sagt. Die Idee existiert schon seit Jahren, zunächst wollte man zum Spreepark, das sei jedoch gescheitert. Demnächst sollen im Rahmen eines Workshops auf dem Floß konkrete Pläne für den Kulturhafen erarbeitet werden.

Ob zunächst das Ankerverbot verhindert werden kann, steht in den Sternen. Die in Berlin zuständige Senatsverwaltung für Umwelt und Kultur ist derzeit aufgefordert, eine Stellungnahme zum Verfahren abzugeben. Dem Vernehmen nach ist man sich im Hause von Regine Günther (Grüne) der Problematik bewusst. Allerdings wäre eine Absage an die Pläne für das Bundesverkehrsministerium nicht bindend.

https://taz.de/Drohendes-Ankerverbot-in-Berlin/!5785756/

ND: Das Leben ist ein Hausboot

In der Rummelsburger Bucht ist auch das Wasser bewohnt. Das passt nicht allen.

Von Ulrike Wagener

Der Fotograf Claudius Schulze fährt auch bei schlechtem Wetter zu seinem Hausboot in der Rummelsburger Bucht, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist – und um zu arbeiten.
Der Fotograf Claudius Schulze fährt auch bei schlechtem Wetter zu seinem Hausboot in der Rummelsburger Bucht, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist – und um zu arbeiten. Foto: nd/Ulli Winkler

Ich möchte ein lebenswertes Leben haben«, sagt Jan Ebel. Das hat er auf dem Rummelsburger See gefunden. Seit zehn Jahren wohnt der 39-Jährige, der nach seinem ersten Boot »Rockfisch« genannt wird, vor Anker mitten auf dem Wasser in der Rummelsburger Bucht. Nach Schätzungen der Wasserschutzpolizei ist seines eins von rund 100 Booten auf dem See. Ebel denkt, dass es eher mehr sind. Sein Boot ist komplett autark, er hat eine Frischwasseraufbereitungsanlage und Solarzellen auf dem Dach, die für ihn, seine Partnerin und ihren gemeinsamen Sohn ausreichen. »Nur im Winter muss ich den Kühlschrank ausstellen«, sagt er mit einem leichten Augenzwinkern. Einmal im Monat fährt er an die Marina und lässt das Abwasser aus dem 500-Liter-Tank abpumpen, geheizt wird mit recyceltem Holz von den umliegenden Baustellen. Bei unserem Besuch ist es mollig warm, obwohl der Ofen aus ist. »Gut gedämmt«, sagt er.

Ebel arbeitet in Prenzlauer Berg als Erzieher, zur Arbeit fährt er mit Kajak und Fahrrad. Anstrengend findet er das nicht. »Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich auf dem Wasser aufwache und die Brassenschwärme vorbeiziehen sehe«, schwärmt er. Vor seinem Wohnzimmer bildet eine alte NVA-Fähre eine Art Flur, an dem im Sommer befreundete Boote anlegen. In seiner Freizeit engagiert sich Ebel bei der Spreepublik, einem Zusammenschluss von Kulturflößen. Muckefuck: morgens, ungefiltert, links

Doch sein Wasserleben, wie er es gewohnt ist, ist bedroht. Mitte des Jahres soll ein Teil der Bucht für die Seesanierung gesperrt werden, bei der giftige Sedimente ausgehoben werden sollen. Bereits seit Februar ist das Fahren in der Bucht nur noch eingeschränkt möglich. Grund dafür sind laut Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Spree-Havel mehrere »leckgeschlagene Objekte«, die Lage solle nun durch eine Peilung geklärt werden. In der kalten Zeit waren mehrere Boote gesunken. Das nimmt auch die Lichtenberger Linke zum Anlass, erneut ein Ankerverbot auf den Tisch zu legen. Entscheiden können darüber weder Bezirk noch Land, denn der See ist eine Bundeswasserstraße, in der das Ankern außerhalb der Fahrrinne grundsätzlich erlaubt ist. Vor zwei Jahren wurde ein Antrag der Senatsumweltverwaltung für ein Ankerverbot vom WSA mangels Rechtsgrundlage abgelehnt.

Doch viele Anwohner und Investoren stören sich an dem Freiraum auf dem Wasser. Laut Wasserschutzpolizei gebe es unter anderem Beschwerden über Lautstärke, Abgase, nicht ordnungsgemäße Müllentsorgung und ungepflegten Eindruck der Boote. »Die ›schwimmenden Anlagen‹ auf dem See sind auch eine Begünstigung Einzelner auf öffentlichen Flächen«, sagt Ottfried Franke von der Interessengemeinschaft »Eigentümer in der Rummelsburger Bucht«, wo zum Beispiel Coral World vertreten ist, zu »nd«.

Camilla Schuler von der Lichtenberger Linksfraktion hat den Antrag für ein Ankerverbot geschrieben. Es gehe ihr nicht um die Verdrängung der Menschen auf dem Wasser, sondern um den Umweltschutz, erklärt sie auf Nachfrage des »nd«. Gewünscht sei ein Runder Tisch zum Thema Umwelt und Wohnen in der Bucht. Dort solle neben der Politik auch Spreepublik und die Volksinitiative Bucht für Alle vertreten sein.

Jan Ebel lebt seit 10 Jahren überwiegend in der Rummelsburger Bucht. Er ist begeistert von dem Leben auf dem Wasser.
Jan Ebel lebt seit 10 Jahren überwiegend in der Rummelsburger Bucht. Er ist begeistert von dem Leben auf dem Wasser. Foto: nd/Ulli Winkler

»Uns war klar: Wenn Biergärten, Clubs, Wagenplätze und das Obdachlosencamp in der Rummelsburger Bucht weg sind, dann werden die Boote und Kulturflöße als Nächstes dran sein«, sagt Iver Ohm von Bucht für Alle zu dieser Entwicklung. Für die Initiative ist wichtig, dass auch Menschen ohne organisierte Interessenvertretungen an der Debatte beteiligt werden. Auf dem See wohnen nicht nur Menschen mit gut ausgestatteten Hausbooten wie Jan Ebel. Der schätzt, dass etwa zehn Obdachlose auf Booten leben, die sie gekapert haben oder geschenkt bekamen. »Viele parken ihre Boote hier auch aus Verzweiflung, weil sie keine Liegeplätze finden oder sie nicht bezahlen können«, sagt Ebel. Ein Liegeplatz für ein 10 bis 15 Meter langes Boot koste um die 300 Euro monatlich.

Ebels Nachbar und Spreepublik-Kollege heißt Claudius Schulze. Der 36-Jährige mit der roten Jacke und dem Loch im Turnschuh ist Fotograf und nutzt sein Boot hauptsächlich als Atelier. Sein Thema ist der Umweltschutz. Dass gerade die Boote als Umweltproblem gesehen werden, kann er angesichts der industriellen Belastung bis in die 90er Jahre nicht verstehen. »Die meisten hier achten darauf, wie sie ihren Müll entsorgen«, meint Schulze. Dafür habe Spreepublik am vergangenen Wochenende drei Tonnen Metallschrott aus der Spree geborgen, hauptsächlich Fahrräder und Elektroroller.

Bei einem Vor-Ort-Besuch liegen die meisten Boote ruhig im Wasser, ab und zu hört man Techno, ein Stehpaddler fährt vorbei. »Das sind hier dörfliche Verhältnisse, man kennt sich, manche sind befreundet, manchmal gibt es kleinere Konflikte. Es gibt eine Whatsapp-Gruppe, da werden Dinge besprochen wie: ›Ey, ich brauch Motoröl!‹«, erklärt Schulze, während er eine 30 Kilo schwere Ankerkette auf den Boden wuchtet und von der blauen Trommel abrollt. Er will seine Ankerbefestigung überarbeiten.

Dass die Bootsszene seit 2016 gewachsen ist, erklärt sich Schulze mit dem erhöhten Nutzungsdruck in der Stadt. »Wir liegen nicht hier, weil wir Besetzer sind, sondern weil es das Bundeswasserrecht so vorsieht«, stellt er klar. Jenseits der Spreepublik gebe es bis jetzt keine Organisation der Hausboote. »Da ist viel Eigenbrötlertum. Doch vielleicht passiert das jetzt, wo der Druck größer ist«, sagt Schulze.

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1150092.rummelsburger-bucht-das-leben-ist-ein-hausboot.html

Tagesspiegel: Linksfraktion will erneut Ankerverbot für den Rummelsburger See beim Bund durchsetzen

von Robert Klages

Schon die Senatsverwaltungen sowie die Bezirke scheiterten mit ihren Forderungen nach einem Ankerverbot auf dem Rummelsburger See. Denn dieser ist als Bundeswasserstraße Eigentum des Bundes. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) hatte 2019 das Ankerverbot abgelehnt – hier der Streit nachzulesen. Ankerverbot darf nicht mit Anlegeverbot verwechselt werden, was für uns Seichtwassermatros*innen und Landratten nicht ganz einfach ist manchmal: Ankern heißt AUF dem See, Anlegen AM See, also an den Spundwänden. Anlegeverbote können durch die Bezirke erlassen werden – und das wurden sie bekanntlich bereits. Um es noch komplizierter zu machen, nennen sie es „Festmache- und Liegeverbot“. Ein Ankerverbot gibt es weiterhin nicht – derzeit hat die Polizei lediglich ein Fahrverbot erlassen, dazu kommen wir gleich.

Die Linksfraktion meint, der Bund könnte seine Meinung in Sachen Ankerverbot in den letzten Wintern geändert haben. In einem Antrag wird ein Ankerverbot gefordert – Entscheidung in der nächsten Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am 18. März. Auf dem See seien immer wieder Boote gesunken, so die Linken. Zuletzt hatte die Schifffahrtspolizei den See gesperrt, da nach der Eisschmelze Boote gesunken und Schifffahren beeinträchtigt gewesen seien sollen – wie berichtet. Das Fahrverbot ist weiterhin aktuell. Die Linksfraktion schreibt: „Da der Zustand vieler schwimmender Objekte auf dem See vermuten lässt, dass ähnliche Gefährdungen aufgrund sinkender Boote wieder auftreten können, liegt die Vermutung nahe, dass bei der WSV ein Sinneswandel eingetreten ist und sie nun einem erneuten Antrag für ein Ankerverbot zustimmen wird.“

Wie viele Boote liegen derzeit auf dem Grund oder mussten von der Polizei geborgen werden? Die Pressestelle der Polizei konnte dazu keine Angaben machen, man habe auch bei der Wasserschutzpolizei nachgefragt und wisse von keinen Bergungsarbeiten oder gesunkenen Booten. Dabei ist bekannt, dass die Wasserschutzpolizei bei einem Einsatz ein gesunkenes Boot entdeckt, aber vergessen hat, eine Boje dahinzusetzen – nun suchen sie den Seegrund danach ab. Das ist wohl aber auch das einzige Boot auf dem Grund. Ein weiteres Boot wurde geborgen, wie Seebewohner*innen mir erzählen und dokumentiert haben –  das war aber außerhalb des Sperrbereichs.

Claudius Schulze von „Spree:Publik“, der mit dem Atelierboot auf dem See und der Einohr-Katze, sagt: „Wir finden, dass mit Bootsbesitz Verantwortung einhergeht. Bei so vielen Booten kann immer mal was passieren, dann helfen wir gerne. Diesen Winter haben wir einige Boote aus Seenot gerettet. Das Fahr- und Ankerverbot wegen einem einzigen gesunkenen Bootes scheint doch etwas überzogen.“ „Spree:publik“ hatte zuletzt über 200 Fahrräder, Einkaufswagen und E-Roller aus der Spree gezogen. Ein Dankeschön von der Stadt gab es dafür nicht. Vielleicht aber nun ein Ankerverbot?

https://leute.tagesspiegel.de/lichtenberg/macher/2021/03/09/161675/linksfraktion-will-erneut-ankerverbot-fuer-den-rummelsburger-see-beim-bund-durchsetzen/

Berliner Zeitung: Umweltschützer fischen Schrott-Fahrräder aus der Spree

Aktion an der Oberbaumbrücke:

Auf dem Grund des Flusses liegen große Mengen Unrat. Aktivisten gehen dagegen vor: Sie angeln Räder, Roller und anderen Abfall aus dem Wasser.,

Der Schrott türmt sich: Rund um die Oberbaumbrücke schlummern Fahrräder,
Einkaufswagen und allerlei anderer Müll auf dem Grund der Spree.
Foto: Volkmar Otto

Berlin-Kreuzberg – Stille Wasser sind tief – im Falle der Spree reicht das nicht. Das Gewässer, das derzeit so ruhig durch das Flussbett wabert, ist auch dreckig und vermüllt. Denn auf dem Grund des Flusses liegen sie in Massen: Einkaufswagen, Fahrräder, Leih-Roller. Entsorgt von Menschen ohne Grips, die scharf sind auf ein lautes Platschen. Der Schrott unter der Wasseroberfläche ist vor allem jenen, die das Wasser lieben, ein Dorn im Auge. Die Initiative „Spree:publik“ geht deshalb nun gegen den Müll vor – mit Enterhaken.

Kein anderes Boot ist weit und breit zu sehen, ungebrochen fließt das Wasser durch die Bögen der Oberbaumbrücke. Vielleicht liegt es am Wind, der erbarmungslos und eisig pfeift? An Deck des Kahns „Rockfisch“ herrscht trotz klirrender Kälte Betrieb, denn der Naturschutz duldet keinen Aufschub. „Vor allem die E-Bikes holen wir lieber aus dem Wasser, so schnell es geht“, sagt Boots-Chef Jan Ebel. „Denn die Akkus sind hochgiftig. Die sollten sich im Wasser lieber nicht auflösen.“ Er holt aus, wirft ein Seil ins Wasser, am Ende ist ein Enterhaken befestigt. Ebel wirft einen Blick hinterher. „Hier ist alles voll“, sagt er.

Gemeinsam ziehen die Männer ein Fahrrad nach dem anderen aus der Spree.
Foto: Volkmar Otto

Jan Ebel ist eigentlich Kindergärtner, außerdem Besitzer eines Hausbootes und Mitstreiter des Förderkreises „Spree:publik“ – unter diesem Namen verbünden sich Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die Wasserflächen der Stadt für jeden nutzbar sein sollen. Sie wollen auch Kultur aufs Wasser bringen, erklärt Ebel – und natürlich sei der Umweltschutz ein wichtiges Anliegen. Vor zwei Wochen ist er über die Spree gepaddelt. „Weil es im Moment nicht viel Bootsverkehr gibt, ist das Wasser relativ klar, man kann an manchen Stellen sehr tief sehen. Rund um die Oberbaumbrücke fiel mir auf, dass unter Wasser überall Fahrräder liegen.“

Wer die Angel auswirft, hat sofort etwas am Haken

Er fragte bei seinen Mitstreitern nach, trommelte Helfer zusammen. Am vergangenen Wochenende starteten sie einen ersten Einsatz. Fuhren auf den Fluss, ließen Seile mit Haken ins Wasser und angelten nach Schrott. „Wir mussten schnell feststellen, dass es kein Ende nimmt“, sagt er. Überall könne man die Angel auswerfen und sofort etwas am Haken haben. Warum? „Ich kann mir nur vorstellen, dass es Betrunkene sind, die Spaß daran haben, das Zeug ins Wasser zu werfen“, sagt Malte Jäger (43), einer der Männer an Bord. Er selbst ist Paddler, hat die Verunreinigungen an vielen Stellen gesehen. 

Jan Ebel (39) arbeitet eigentlich als Kindergärtner, ist aber auch stolzer Besitzer eines Hausbootes.
Foto: Volkmar Otto

Nach den ersten zehn Minuten auf dem Wasser türmen sich auf dem Boot bereits die ersten Fundstücke. Ein Einkaufswagen, eine Satellitenschüssel und ein Couchtisch. Sichtbar wird hier aber vor allem eine hässliche Seite der neuen Mobilität: Immer wieder ziehen die Männer Leihfahrräder und -roller aus den Fluten. „Wo viele Menschen sind, gibt es eben leider viele Idioten“, sagt Ebel. „Vielleicht ist es für manche ein Partyspaß, vielleicht haben die Leute etwas gegen die Leihräder.“ Doch auch normale Fahrräder sind dabei. „Die Leute klauen sich nach der Party schnell ein Rad, um nach Hause zu kommen, und entsorgen es dann im Wasser.“

Nicht nur für die Umwelt ist der Unterwasser-Schrott schlecht, sondern auch für Angler, sagt Aljosha Fritzsche. Der 27-Jährige ist Angel-Influencer, veröffentlicht unter dem Namen Joshinator etwa Videos auf YouTube. „Wenn unter der Wasseroberfläche Schrott liegt, verliert man dadurch viele Köder“, sagt er. Tatsächlich hängen an den mit Schlamm und Muscheln verkrusteten Fahrrädern immer wieder kleine Gummi-Fische. „Das ist vor allem für junge Angler ein Problem, denn es geht ins Geld.“ Er wolle aber auch ein Vorbild sein, mit gutem Beispiel vorangehen. „Und das Bild der Angler in der Öffentlichkeit verändern.“

Bisher interessiert sich kaum jemand für die riesigen Schrott-Mengen

Eine Stunde ist vergangen, als der Kahn wieder am Ufer der Spree anlegt. Ein Fahrrad nach dem anderen landet auf einem aufgetürmten Schrotthaufen unterhalb der East Side Gallery. Zuständig dafür habe sich bisher aber niemand gefühlt, sagt Ebel. Er habe viel telefoniert in den letzten Tagen, mit Mitarbeitern bei Behörden und Ämtern gesprochen. „Am hilfreichsten war die Polizei – dort erfuhr ich zumindest, dass es keine Straftat ist, den Müll aus dem Wasser zu holen.“ Am Ende habe sich dann aber doch ein anderer Schrottangler bereit erklärt, den Müll zu entsorgen. Nur der Roller-Anbieter „tier“ habe Interesse gezeigt, ein Vertreter wolle den Schrotthaufen besichtigen. „Und schauen, ob Roller von denen dabei sind“, sagt Ebel.

Aljoscha Fritzsche (27) ist Angel-Influencer – und hilft beim Bergen der Fahrräder.
Foto: Volkmar Otto

Traurig dabei: So groß der Schrotthaufen ist, den die Angler in wenigen Stunden aus der Spree gefischt haben, so riesig ist die Menge, die noch auf dem Grund liegen dürfte. „Es ist krass, wie viel wir gefunden haben“, sagt Maximilian Murawski (25) nach dem Arbeitseinsatz. „Und wir sind gerade nur in der Nähe einer Brücke unterwegs. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel Müll da noch liegt.“ Neben Friedrichshain-Kreuzberg gilt vor allem Mitte als Müll-Hotspot – auch hier sind oft Magnetangler unterwegs, die ganze Fahrrad-Armeen aus dem Fluss bergen.

Nicht nur unter Wasser können Mietfahrräder ein Problem sein. Mit einer Ergänzung des Berliner Straßengesetzes will der Senat nun für Ordnung sorgen. Ziel ist, Mieträder, E-Scooter, Carsharing-Autos und andere Fahrzeuge dieser Art stärker zu reglementieren. Das „gewerbliche Anbieten von Mietfahrzeugen“ soll künftig als Sondernutzung öffentlichen Straßenlands gelten. Das bedeutet: Eine Erlaubnis ist erforderlich, die Behörden können Gebühren verlangen und Regeln festsetzen – zum Beispiel, wo die Fahrzeuge abgestellt werden dürfen und wo nicht. „Derzeit liegt der Gesetzesentwurf dem Rat der Bürgermeister vor“, berichtet der Linke-Verkehrspolitiker Kristian Ronneburg. Die Koalition geht davon aus, dass das Gesetz noch vor der Sommerpause verabschiedet wird.

https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/umweltschuetzer-fischen-schrott-fahrraeder-aus-der-spree-li.138012

Tagesspiegel-Bericht: Initiative räumt Berlin unter Wasser auf „Unter der Oberbaumbrücke lagen mehrere E-Roller und Fahrräder“

Jan Ebel ist Umweltschützer. Mit der Initiative „Spree:publik“ räumt er auf dem Grund der Spree auf. Ein Gespräch über Lithiumionenakkus, Wurfanker und Besteck. Von Corinna von Bodisco

Aktive von „Spree:publik“ räumten am Sonnabend bei der Oberbaumbrücke auf – unter Wasser. Die Interessengemeinschaft setzt sich dafür ein, „dass Wasserflächen auch als soziokulturelle Ressource wahrgenommen und als Freiraum für zivilgesellschaftliches Engagement verstanden werden“. Außerdem ist ihnen Umweltschutz ein großes Anliegen. Jan Ebel ist einer der Aktiven.

Herr Ebel, wie sieht Friedrichshain-Kreuzberg unter Wasser aus?
Im Moment ist das Wasser extrem klar, da es wenig Schiffsverkehr oder Strömungen gibt. Man kann bis zu drei Metern auf den Grund schauen. Letzte Woche bin ich gepaddelt und dabei entdeckte ich vor allem bei der Oberbaumbrücke mehrere Elektroroller und Fahrräder unter Wasser.

Bestehen die Elektrogefährte nicht auch aus umweltschädlichen Stoffen?
Ja, Lithiumionenakkus sind hochgiftig: gefährlich fürs Wasser, die Unterwassertiere und unter’m Strich auch für die Menschen. Deswegen habe ich der Spree:publik-Community Bescheid gesagt und gefragt: Wollen wir nicht mal die Sachen rausholen? Da waren sofort vier Leute am Start und wir sind am Samstag mit meinem Boot „Rockfisch“ losgefahren.

Wie haben Sie die Fahrräder und die anderen Dinge aus dem Wasser gefischt?
Ich habe mehrere Wurfanker besorgt, die man eigentlich zum Klettern benutzt. Die haben wir an stabile Bootsleinen gebunden, sie dann immer so fünf Meter vom Boot weg ins Wasser geworfen und über den Grund gezogen. Man musste nur einmal kurz ziehen und es hing schon irgendwas dran.

Was war neben Fahrrädern und Rollern noch im Wasser?
Einkaufswägen, Stühle, Sessel, Besteck, ein Klappmesser. Sogar Kassen und ein Brecheisen waren dabei – da wollte wohl jemand Beweisstücke verschwinden lassen. Tiere gab es auch: mehrere Aale und Krebse, die sich in den Fahrrädern versteckten. Natürlich haben wir sie wieder sorgsam zurückgesetzt. Mir sind auch Grundeln aufgefallen, eine asiatische invasive Fischart. Übrigens waren alle Dinge überzogen mit kleinen Muscheln. Am Verrottungsstatus der Fahrräder konnte man sich ausrechnen, wie lange die schon da unten liegen: von ein paar Monaten bis zu zehn Jahren.

Von welcher Menge Unterwassermüll reden wir denn?
Also der Plan war, etwa zehn Roller rauszuholen. In kürzester Zeit stellten wir fest: Das hört nicht auf. Wir haben zu fünft insgesamt drei Stunden richtig hart gearbeitet und das Boot viermal komplett vollgeladen. Insgesamt waren es über 60 Objekte und ich schätze, das war nur etwa ein Viertel von dem, was da unten liegt. Danach waren wir körperlich am Ende – es war kalt und irgendwann zieht das Wasser in die Ärmel. Da lag aber so viel rum, wir hätten noch stundenlang weitermachen können.

Hat Sie irgendjemand bemerkt?
Die Wasserschutzpolizei ist auf uns aufmerksam geworden. Sie haben sich gefragt, ob wir das überhaupt dürfen. Ich hatte schon vor einer Woche bei denen angerufen und da hieß es, sie finden es prinzipiell gut, wenn wir die Sachen rausholen. Das Wasserschifffahrtsamt ist nur dafür verantwortlich, die Fahrrinne für Schiffe frei zu halten. Alles was daneben liegt – die Spree ist natürlich breiter als diese Rinne – sei nicht mehr ihr Job und anscheinend Sache des Bezirks.

Warum denken Sie, werfen die Leute die Gegenstände einfach ins Wasser?
Es gibt viele Idioten oder Partyvolk, die es wie Kinder schön finden, Steine ins Wasser zu werfen. Nur sind es hier eben Einkaufswägen oder Roller. Es gibt bestimmt auch eine politische Motivation, warum Elektroroller ins Wasser geworfen werden. Aber das rechtfertigt nicht die Wasserverschmutzung.

Was passiert jetzt mit dem Unterwassermüll, den Sie am Ufer abgeladen haben?
Das wussten wir zunächst auch nicht, wollten die Dinge aber lieber erst mal aus dem Wasser haben als drin zu lassen. Ich habe die Polizei angerufen, die sehr kooperativ war. Sie will nun mit der BSR in Kontakt treten.

https://www.tagesspiegel.de/berlin/initiative-raeumt-berlin-unter-wasser-auf-unter-der-oberbaumbruecke-lagen-mehrere-e-roller-und-fahrraeder/26872842.html

Urbanshit.com: Berlin – Guerilla-Bühne auf dem Wasser installiert, für Kultur in Zeiten von Corona

Durch die Corona-Pandemie sind alle Bühnen, auf denen in einer Großstadt wie Berlin sonst rund um die Ihr Programm läuft, aktuell geschlossen. Die virusbedingten Schließungen bringen nicht nur Kulturbetriebe und Kulturschaffende in Existenznöte, sondern die Stadt droht auch kulturell auszutrocknen – macht das urbane Leben einer Stadt wie Berlin doch maßgeblich das vielfältige Kulturangebot aus.

Da alle Bühnen der Stadt momentan geschlossen sind und auch der öffentliche Raum keine Alternative zum Spielen, Aufführen und Zeigen von Kunst und Kultur ist, hat die kreative Protestgruppe Einfach So kurzerhand eine Guerilla Bühne entworfen, die speziell für Kulturangebote in Corona-Zeiten designt ist. Dafür haben sie eine Bühnenskulptur zur freien und partizipativen Bespielung am alten Studentenbad auf dem Kreuzberger Landwehrkanal installiert. Die Bühne kann von jedem frei benutzt werden – ob für Konzerte, Lesungen oder Theater. Zu erreichen die „Isolation Island“ mit dem Schlauchboot, zugeschaut oder gehört kann mit genügend Abstand vom Wasser oder Ufer aus.

Installiert wurde die Guerilla-Bühne vor ein paar Tagen in gerade mal 35 Minuten. Ein Video davon gibt es bei Facebook zu sehen. Mit einem öffentlichen Schreiben haben sich die Macherinnen und Macher dazu parallel an die Berliner Kulturpolitik gewandt:

„Musiker, Schauspieler und Artisten verzweifeln vor Webcams. Straßenmusiker gibt es nicht mehr. Der öffentliche Raum ist tot. Wir haben uns mit der Frage befasst, wie eine seuchenkonforme Kulturplattform aussehen könnte – und haben einfach mal so einen Prototypen gebaut. Keine Sorge, wir haben keine Veranstaltung angesetzt, aber fragen: Unter welchen Bedingungen sind Kulturveranstaltungen denkbar?“

Bekannt wurde die Gruppe unter anderem durch eine Aktion vor zwei Jahren, für mehr Spaß im öffentlichen Raum. Dafür haben sie im Sommer mitten in Berlin 30 Guerilla-Schaukeln aufgehängt.

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